HR-Professionals stehen unter zunehmendem Druck. Wie können sie besser auf sich selbst schauen? HR-Expertin Birgit Slotta-Bachmayr hat mit dem Fasten-Coach und Achtsamkeitstrainer Thomas Rudelt gesprochen.

HR-Verantwortliche stehen unter zunehmendem Druck: wirtschaftliche Unsicherheit, neue Arbeitsformen, Fachkräftemangel und steigende Krankheitsraten verdichten sich zu einem Dauerstress. Personalabteilungen geraten dabei immer häufiger in eine Sandwichposition zwischen Geschäftsführung und den Mitarbeiter:innen – mit knappen Ressourcen, hohen Erwartungen und dem Gefühl, vieles abfedern zu müssen. Und werden dabei oft zu wenig wahrgenommen.
Wie können HR-Professionals besser auf sich schauen? Dazu habe ich mit dem Fasten-Coach und Achtsamkeitstrainer Thomas Rudelt gesprochen.
Ausgangssituation
In vielen Unternehmen hat sich die Belastung für HR in den letzten Jahren deutlich erhöht. Die Pandemie hat Arbeitsformen verändert, Homeoffice und hybride Teams erfordern neue Policies. Gleichzeitig sind Ressourcen oft knapper und die Erwartung, schnell Lösungen für komplexe Personalfragen zu liefern, ist gestiegen.
HR findet sich häufig zwischen den Forderungen des Managements und den Bedürfnissen der Mitarbeitenden wieder – eine echte Sandwich-Funktion: Druck von oben, Bedürftigkeit und Erwartungen von Kolleg:innen. Wenn dann auch noch Budgets fehlen und Personalentwicklung zur Nebensache wird, entsteht bei vielen das Gefühl, nur noch operativ „abzuarbeiten“ statt zu gestalten. Das erzeugt permanentes Mehrfach-Engagement und erhöht das Risiko für Stressreaktionen, Erschöpfung und letztlich Fehlzeiten.
Nicht selten wird dies begleitet von gesundheitlichen Entwicklungen auf breiter Ebene: chronische Erkrankungen, erhöhte Fehltage und ein Arbeitspensum, das viele an die Belastungsgrenze führt. Die Folgen zeigen sich auch in HR selbst: steigende Krankenstände, innere oder tatsächliche Kündigungen, der Schritt in die Selbstständigkeit oder bewusst gewählte Auszeiten. Die Belastung endet dabei nicht mit dem Arbeitstag – viele von uns HR-Profis gehen nach Hause, schlafen schlecht, spüren körperliche Stresssymptome und denken: „Ich muss jetzt auf mich schauen, sonst gehe ich zugrunde.“
Diese Überlastung ist ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko für HR-Manager:in selbst und kann sich in Folge auf die gesamte Organisation auswirken. Das Problem wiegt also doppelt schwer. HR-Manager:innen sollten daher Schritte setzen. Denn wer sich zuerst um sich selbst kümmert, der wird gesund und handlungsfähig bleiben, um sich für die Bedürfnisse der anderen einsetzen.
Ergebnisse unserer Umfrage
Wir haben eine anonyme Blitz-Umfrage gemacht, um zu verstehen, wie HR-Professionals ihre aktuelle Situation erleben. Dabei ging es um Belastung, Wertschätzung, Ressourcen, Schlaf/Stress und Wechselgedanken. So haben die Teilnehmer geantwortet. Die übrigen Prozent haben neutral geantwortet.

Was würde dich entlasten?
Wir haben unsere Teilnehmer gefragt, was sie kurzfristig am meisten entlasten würde. Die Antworten haben wir in drei Cluster gruppiert. Die häufigste Antwort betraf personelle Ressourcen.

Weitere genannte Entlastungswünsche
- Probleme an der Wurzel packen statt nach kurzfristigen Lösungen zu suchen,
- Klarheit bei Themen, die in der Schwebe sind (EU-Regulierungen, Kollektivvertragsverhandlungen),
- Mehr Offenheit gegenüber Digitalisierung,
- Weniger Bürokratie,
- Nachhaltige Entscheidungen,
- „HR einfach machen lassen“.
Lösungsansätze
Ich habe mit dem Achtsamkeitstrainer Thomas Rudelt gesprochen. Thomas war selbst lange in der Wirtschaft und auf Geschaftsführungsebene Sales und Einkauf tätig. Seine tägliche „Nahrung“ waren Umsatz, EBIT, Einkauf, Sortiment und Kundenzufriedenheit. Doch irgendwann wuchs das Bedürfnis nach einer Kehrtwende und wurde so stark, dass er sich anderen Themen zuwandte.
Heute ist Thomas Rudelt Lehrer für Fasten, Achtsamkeit und Yoga. Er tritt dafür ein, dass People Management das Fundament jedes Unternehmens sein sollte. Er ist außerdem überzeugt, dass wir viel selbst für unser Wohlbefinden im stressigen Alltag tun können, ohne gleich zu Medikamenten zu greifen.
Achtsamkeit bedeutet nach seiner Definition keinen Rückzug aus dem Alltag, sondern bewusste Präsenz mitten im Leben. Aufmerksamkeit kann gezielt gelenkt werden. Stressreaktionen werden erkannt, Gedanken und Emotionen bewusster wahrgenommen.
„Ich verstehe Self-Care nicht als Wellness, sondern als Grundlage handlungsfähiger Führung.“
Thomas Rudelt, Achtsamkeitstrainer
Sein Grundansatz verbindet die persönliche Selbstfürsorge mit Yoga und anderen Maßnahmen aus der ayurvedischen Lehre, die sich in den Arbeitsalltag integrieren lassen sollen. Drei zentrale Komponenten bilden das Fundament seiner Self-Care-Philosophie:
1. Ernährung
Gesunde Ernährung bildet die Grundlage für körperliche und mentale Ausgeglichenheit, Klarheit und Belastbarkeit. Basisches Intervallfasten oder Fasten-Mimicking sind gerade für Berufstätige gut integrierbar. Gewichtsreduktion kann dabei eher eine angenehme Nebenwirkung sein.
2. Atmen
Die Grundlage fast aller Übungen, die Thomas anbietet, ist das bewusste Atmen. Achtsames Atmen kann uns helfen, den Geist zu beruhigen, Konzentration zu entwickeln und Einsicht in die Realität – in uns und um uns herum – zu gewinnen.
Unter Dauerlast atmen wir flach und schnell – das passt zu einem Nervensystem im „Aktivmodus“. Mit der richtigen Atemtechnik kann man aber das Nervensystem herunterregeln.
Bewusstes Atmen aktiviert den Parasympathikus, also den Regenerations- und Entspannungsmodus. Dadurch werden auch Verdauung und Erholung wieder möglich. Das funktioniert im Übrigen auch gut zwischen den Meetings.
3. Bewegung
Für mentale Leistungsfähigkeit braucht der Körper Bewegung: Schon einzelne Einheiten können kurzfristig Anspannung senken und kognitive Funktionen unterstützen. Langfristig reduziert regelmäßige Aktivität auch Angstsymptome und fördert Gehirn- und Herzgesundheit. Kleine Bewegungsimpulse können problemlos in den Alltag integriert werden, am Arbeitsplatz, zu Hause oder unterwegs. Thomas beschreibt das als „Yoga im Leben integrieren“, um Körper und Geist Raum zum Durchatmen zu geben.
Eine weitere Möglichkeit sind „Walking Meetings“. Kleine, wiederkehrende Bewegungsimpulse wirken kumulativ und sind leichter zu etablieren als große Fitnessprogramme. Entscheidend ist die Niedrigschwelligkeit: kurze „Bewegungssnacks“ im Arbeitsalltag, wie Treppen steigen statt mit dem Aufzug fahren, 5-Min-Walk, Kniebeugen oder Wandsitz. Der grobe Orientierungsrahmen moderater Aktivität liegt bei 2,5 Stunden pro Woche.
Self-Care auf Organisationsebene
Im Wirkungsfeld von HR hat Self-Care zwei Ebenen: die persönliche und die organisationale. Auf individueller Ebene geht es darum, wie man im Alltag akuten Druck reguliert. Auf Organisations-Ebene geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Stress gar nicht erst hochdrehen: Formate wie Sharing Sessions und bewusst gestaltete Atemräume helfen, Belastung früh sichtbar zu machen und Regeneration im Arbeitsalltag zu normalisieren.
Sharing
Beim „Sharing“ sprechen die Teilnehmer:innen frei über ihre Erfahrungen, Ideen und Arbeitsergebnisse, während die anderen Anwesenden lediglich aufmerksam zuhören. Dabei lassen die Zuhörer die Sprechenden vollständig ausreden und verzichten darauf, das Gesagte zu bewerten, zu kritisieren oder mit Gegenargumenten zu kontern. Anstatt in eine klassische Diskussion einzusteigen, bei der Positionen verteidigt werden, dient dieser Prozess dazu, Wissen und Impulse rein als Angebot im Raum stehen zu lassen.
Health-Care-Angebote
Unternehmen können einfache Atem- und Achtsamkeitsübungen in den Alltag bringen, ohne gleich große externe Programme zu kaufen. HR kann dafür Kolleg:innen schulen, die sich dafür interessieren, und sie als interne Ansprechpersonen einsetzen. In Meetings hilft eine Minute bewusstes Atmen am Anfang oder ein kurzer „Reset“, wenn es emotional wird.
Die Wirksamkeit kann man schnell prüfen: mit kurzen Pulsbefragungen und einem Blick auf Meetings (weniger Eskalationen, schnellere Entscheidungen) sowie kurzen Rückmeldungen. Ziel ist nicht „Wellness“, sondern mehr Ruhe im Arbeitsalltag – und weniger Druck auf HR, weil Konflikte früher abkühlen.
Beispiel
Ein Handelsunternehmen integrierte innerhalb eines Jahres zwei Maßnahmen: Die Ausbildung interner Kursleiter für Atem- und Achtsamkeitsübungen und die Einführung kurzer, strukturierter Sharing-Sessions in Abteilungsmeetings. HR investierte zunächst in die Ausbildung von Mitarbeitenden, die bereits Interesse an Achtsamkeit zeigten, anstatt externe Trainer zu buchen. Die internen Kolleginnen und Kollegen wurden zu Multiplikatoren. Meetings begannen mit einer einminütigen Atempause, schwierige Diskussionen wurden bewusst für ein kurzes Sharing gestoppt.
Das Ergebnis: Die Teamdynamik verbesserte sich messbar — weniger Eskalationen, kürzere Entscheidungsphasen und höhere Zufriedenheit in anonymen Befragungen. HR berichtete von geringerer emotionaler Erschöpfung der Mitarbeiter:innen und einem besseren Rollenverständnis der Führungskräfte.
Konkrete Empfehlungen
Jetzt kommen wir wieder zurück zu dir als HR-Manager:in. Die folgenden Tipps sollen dir helfen, dich vor Überforderung zu schützen, und ruhig und handlungsfähig zu bleiben.
1. Innehalten und klären: Was liegt in meinem Einfluss?
Als schnelle Selbstreflexion aus dem Coaching-Alltag empfehle ich eine klare Trennung zwischen Sorgebereich und Einflussbereich: Was ist die Realität, was ist meine Interpretation, und welche Stellhebel habe ich tatsächlich? Diese schnelle Standortbestimmung reduziert das Ohnmachtsgefühl und bündelt meine Energie auf das, was veränderbar ist, anstatt mich in Bereichen zu verausgaben, die für mich unveränderlich sind.
Ergebnis: Du fokussierst sofort deine Energie auf die Dinge, die du wirklich bewegen kannst.
2. Eines nach dem anderen – Fokus statt Multitasking
„Multitasking“ ist in vielen Wissensjobs in Wahrheit Task-Switching. Die Forschung zeigt: Jede Umstellung kostet kognitive Ressourcen, sogenannten Umschaltkosten, erhöht Fehlerwahrscheinlichkeit und frisst produktive Zeit. Praktisch heißt das: Aufgaben bewusst in Blöcken bearbeiten und den Wechsel aktiv steuern, statt parallel „alles offen“ zu halten.
Ergebnis: Dein Kopf muss nicht dauernd umschalten, das senkt die Belastung.
3. Pause zwischen Aktion und Reaktion
Gerade in konfliktgeladenen Situationen ist der Reflex „sofort antworten“ selten die beste Option. Eine kurze Pause schafft mir einen kognitiven Raum für eine bewusstere Reaktion – vom einfachen Durchatmen bis zur klaren Formulierung: „Ich denke darüber nach und melde mich morgen.“ Diese Verzögerung senkt Eskalation, verbessert deine Argumentationsqualität und schützt Beziehungen.
Ergebnis: Du nimmst den Druck raus und senkst dadurch Stress.
4. Rollen abgrenzen
Rollenunklarheit und Rollenkonflikte sind klassische Stress-Treiber. Für uns HR-Manager:innen heißt das: wie kann ich proaktiv definieren, wofür ich selbst verantwortlich bin und wo die Führungskraft zuständig ist.
Ich muss zum Beispiel Trennungsgespräche oder heikle Feedbacks nicht „abnehmen“, ich kann stattdessen der Führungskraft Unterstützung anbieten. Damit bleibt die Verantwortung bei der Führung und ich bin wirksam, ohne zur „Ersatz-Führungskraft“ zu werden. Ich empfehle, die Verantwortlichkeiten schriftlich festzulegen. In weiterer Folge kann HR den Führungskräften Coachings anbieten in Gesprächsführung, Feedback- und Trennungsgesprächen.
Ergebnis: Du bist entlastet, weil du nicht die emotionale Last für andere trägst.
5. Fasten und Verzicht als Strategie: Was lasse ich bewusst weg?
Verzicht lässt sich als Produktivitätsprinzip lesen: Nicht „mehr schaffen“, sondern bewusstes Nicht-Tun, um meine Wirksamkeit zu erhöhen. In dem Artikel „Stop Feeling Guilty About Your To-Do List“ empfiehlt Rebecca Knight in der Harvard Business Review, kein schlechtes Gewissen bei unerledigten To-do-Listen zu haben. Sie rät, die Liste als niemals „fertig“ zu akzeptieren und aktiv zu entscheiden, was liegen bleibt.
Das widerspricht allerdings unserer Intuition, denn wir leiden alle unter dem „Action Bias“: Besonders unter Druck glauben wir, dem Handeln gegenüber Nicht-Handeln den Vorzug geben zu müssen – selbst wenn uns der Aktionismus nicht nützt oder manchmal sogar schadet. Praktisch wird daraus eine Routinefrage: „Welche Dinge mache ich heute – und welche lasse ich bewusst weg?“
Ergebnis: Du reduzierst Druck und emotionale Last und behältst so mehr Ruhe und Energie.
Fazit
Self-Care für HR ist keine zusätzliche Aufgabe, sondern eine notwendige Grundlage, um die eigene Gesundheit und Handlungsfähigkeit zu erhalten. Self-Care ist eine Führungsaufgabe. Wer in HR damit ernsthaft startet, schafft eine Hebelwirkung, die über das Individuum hinaus wirken kann.
Der Austausch mit Thomas hat gezeigt, wie hilfreich es ist, HR-Perspektive und Geschäftsführungssicht zu verbinden: Wenn Rollen, Verantwortung und Grenzen gemeinsam geklärt sind, kann spürbare Entlastung entstehen. Mehr Informationen sind auf der Website zu finden: www.achtsamfit.com

Die Autorin
Birgit Slotta-Bachmayr ist HR-Professional mit über zwei Jahrzehnten Berufserfahrung in internationalen Unternehmen. Als Coach, Supervisorin und systemische Organisationsberaterin begleitet sie Teams und Führungskräfte in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen. Privat reist sie am liebsten nach Italien und spielt leidenschaftlich Tennis.